"Ich wähle Hitsch Brosi, weil er als Quereinsteiger mit grossem
Schul- und Kulturrucksack frischen Wind in die Politik bringt.
"Schauspieler
über die Lehrerknappheit im kanton graubünden
Lehrerknappheit –
eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft
Die Babyboomer-Jahrgänge kommen ins Alter. Tatsächlich werden in den kommenden zehn Jahren diese geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen und grosse Lücken hinterlassen. In unserer Wirtschaft wird ein Defizit an Fachkräften und Erfahrung entstehen, warnen Statistiker und Prognostiker. Die Schule wird von dieser Entwicklung nicht mehr und nicht weniger betroffen als andere Wirtschaftszweige, aber sie startet aus einer schwierigeren Lage. Denn bereits heute fehlt es an qualifizierten Lehrpersonen.
Am stärksten betroffen ist die Sekundarstufe I. Eine erhebliche Anzahl von Lehrstellen in der Sekundar- und Realschule wird in Graubünden schon heute mit Primarlehrpersonen besetzt, weil es an Real- und Sekundarlehrerinnen und –lehrern fehlt. Auf anderen Schulstufen ist die Situation noch etwas besser, aber nicht grundsätzlich anders.
Gerade im Zusammenhang mit der PISA-Studie rückt die Qualität der Schule immer wieder in das Scheinwerferlicht politischer Diskussionen, die dann in der rigorosen Forderung nach besseren Schulen enden. Soweit sind sich alle einig, bei der Frage nach konkreten Verbesserungen allerdings gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Dass hohe Schulqualität ohne genügend qualifizierte Lehrkräfte nicht erreicht werden kann, ist vielleicht eine allzu grundsätzliche Erkenntnis, um die nötige Beachtung zu finden. Der Mangel an qualifizierten Lehrpersonen wird sich aber auch nicht durch eine verstärkte Rekrutierung aus den deutschsprachigen Nachbarländern decken lassen. In der ‚Erklärung von Wien’ (20. 11. 2008) haben die Spitzenverbände der Lehrerschaften Deutschlands, Österreichs und der Schweiz darauf hingewiesen, dass in den nächsten 10 – 15 Jahren in allen drei Ländern dasselbe Problem besteht. Für den Mangel an qualifizierten Lehrpersonen müssen wir also selber eine Lösung finden.
Um erfolgsversprechende Lösungsansätze zu entwickeln, macht es sicher Sinn, nach den Gründen des spezifischen Lehrermangels zu fragen.
Der Beruf des Lehrers hat viel von seiner Wertschätzung eingebüsst. Die Zeiten, als der Lehrer und der Pfarrer noch die Autoritäten im Dorf waren, sind gründlich vorbei. Gerade der Lehrer steht schnell in der Kritik, denn zur Schule gingen wir ja alle und in Erziehungsfragen können wir alleweil mitreden.
In der Ausbildung werden mittlerweile sehr hohe Ansprüche gestellt. So sollte ein Primarlehrer in Graubünden neben vielen anderen Fächern in Italienisch und Englisch das Advanced-Niveau (C1) erreichen und natürlich auch noch sportlich und musisch begabt sein. Und hohe Sozialkompetenz bildet eigentlich eine Voraussetzung.
Auch die gesellschaftlichen Ansprüche an die Schule wachsen. Selbstverständlich gehören die Sexualerziehung, die Genderproblematik, die Suchtprophylaxe, die Aidsprophylaxe, die Gesundheitserziehung, die Umwelterziehung, die ICT- und Medienerziehung und und und zu den Bereichen, welche in der Schule berücksichtigt werden sollen. Ich weiss nicht, wie viele Aktionstage und Spezialthemen in der Schule Platz finden sollten. Und am Tage danach befinden wir, dass die Schule sich auf die Kernkompetenzen konzentrieren sollte, denn unseren Schülerinnen und Schülern fehle es an Basiswissen im Rechnen, Lesen und Schreiben.
Zusammenfassend: Die Schere zwischen Anforderungen, Ansprüchen und öffentlicher Kritik einerseits und der Wertschätzung andererseits öffnet sich stark. Die Entlöhnung ist ordentlich, aber nicht sonderlich attraktiv, auch nicht im interkantonalen Vergleich, was die Abwanderung vieler junger Lehrpersonen zur Folge hatte und haben wird. Und wer sich die Gesamt-Jahresarbeitszeit einer Lehrperson ehrlich zusammenrechnet, muss sich vom Begriff des Ferientechnikers sehr schnell verabschieden.
Wenn wir die Attraktivität des Lehrerberufes wieder verbessern wollen, müssen wir uns bemühen, dass die Schere nicht weiter aufgeht. Die Schule kann nicht mit denselben Ressourcen den Erziehungs- und Bildungsauftrag in einer Gesellschaft erfüllen, in welcher sich der einzelne immer mehr aus dem Erziehungsauftrag verabschiedet und diesen der Schule zuschiebt. Zudem sollte der Bildungsauftrag einer immer komplexeren Realität, also steigenden Anforderungen genügen. Wer Forderungen an die Schule stellt, muss auch Vorschläge zur Bereitstellung der notwendigen Ressourcen einbringen.
Mit dieser grundsätzlichen Feststellung sind aber die akuten Probleme nicht gelöst, denn der bereits vorhandene Mangel an qualifizierten Lehrkräften auf gewissen Stufen und die anstehende Pensionierungswelle warten nicht. Sie verlangen nach dringlichen Massnahmen.
Für Primarlehrpersonen, die heute auf der Sekundarstufe I unterrichten und dies wohl noch einige Jahre tun werden, müssen einerseits Kontinuität geschaffen und andererseits Nachqualifikationen ermöglicht werden. Heute werden diese Lehrpersonen jeweils auf ein Jahr befristet angestellt, obwohl allen Beteiligten klar ist, dass man in einem Jahr am gleichen Punkt steht. Es fehlt ein Modell, das längerfristige Anstellungen ermöglicht, wenn sich geeignete Lehrpersonen bereit erklären, beispielsweise 60% zu unterrichten und daneben 40% nutzen, um sich die nötigen beruflichen Nachqualifikationen zu holen.
Was ebenso dringend ansteht, sind flexible Pensionierungsmodelle, die ab 60 gewisse Reduktionen zulassen, umgekehrt aber auch eine Teilzeitbeschäftigung bis zum 70. Altersjahr ermöglichen. Warum sollte, was in vielen Privat- und Familienunternehmen möglich ist und oft erfolgreich praktiziert wird, in der Schule nicht möglich sein? Solche Modelle sind möglich. An der Evangelischen Mittelschule in Schiers wenden wir bereits ein solches an. Und es funktioniert.
Diese Herausforderungen müssen dringend angepackt werden, denn mit jedem Jahr werden die Lösungen schwieriger.
Klartextseite im Bündner Tagblatt







